Widerlich

19. Mrz. 2009 · 1.804 mal gelesen | Kommentar schreiben »

Sorry Anne, aber ich muss noch einmal zurück nach Winnenden:

Bei NDR Zapp gibt es einen interessanten Beitrag [via Stefan Niggemeier]:

NDR Zapp

Es ist einfach widerlich, was mit den Betroffenen gemacht wird.

Die Küche des Krankenhauses Winnenden liegt unmittelbar neben dem Schulzentrum. Die Küchenmitarbeiter haben die Tragödie aus nächster Nähe miterlebt. Seit mehr als einer Woche führt ihr Weg zur Arbeit durch das Spalier der Kameras, vorbei an trauernden Bekannten und Verwandten. Täglich haben sie die Albertville-Realschule direkt im Blickfeld, täglich gehen sie durch den Park, wo ein Krankenhausmitarbeiter getötet wurde. Es wäre höchste Zeit, dass auch sie einmal an einem freien Wochenende zur Ruhe finden können, dass auch sie Gelegenheit finden können, das Geschehene und Gesehene zu verarbeiten, dass auch sie Zeit für Gespräche mit ihren Kindern haben, die z.T. selbst dort zur Schule gehen.

Ein freier Tag ist am kommenden Samstag aber nicht möglich. Da werden zu der zentralen Trauerfeier mehrere zehntausend Menschen in Winnenden erwartet. Unter ihnen selbstverständlich auch zahlreiche Politiker, die in diesem Jahr wiedergewählt werden wollen. In der Küche des Krankenhauses Winnenden wird jede helfende Hand gebraucht. Da gilt es, die wichtigen Gäste zu verköstigen, damit sie nicht nur mit einer Butterbrezel abgespeist werden müssen.

Wäre doch auch schlimm, wenn die geladenen hohen Gäste ihr Mitgefühl mit den Betroffenen hungrig zum Ausdruck bringen müssten.

So oder so

15. Mrz. 2009 · 2.123 mal gelesen | 2 Kommentare »

Es gibt mehrere Möglichkeiten, auf eine Katastrophe zu reagieren.
Es gibt mehrere Möglichkeiten, über eine Tragödie zu berichten.

0903130001*

So oder so:

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Es liegt nahe, jetzt auf die böse Presse zu schimpfen, die aus der Trauer der Betroffenen Profit schlägt. Aber so lange wir solche Berichte lesen und sehen wollen, so lange wird es solche Berichte geben. So lange wir Bilder von trauernden Angehörigen, von Kindern zwischen Kerzen und Blumen sehen wollen, so lange wird es auch Fotografen und Kameraleute geben, die den Trauernden das Abschied Nehmen unmöglich machen, weil sie um sie herum schleichen, ihre Tränen aufnehmen und ihnen Mikrofone ins Gesicht halten.
Dabei wollen die Angehörigen doch nur eines:

Lasst uns in Ruhe trauern

An dieser Stelle möchte ich auch meinen Respekt aussprechen für alle Helfer, Seelsorger und Pfarrer, die vor Ort sind. Große Hochachtung vor der Arbeit, die sie leisten, vor allen Worten, die sie finden.

„Unter Tränen blick ich hin zu Gott.“
(Hiob 16,20)

* [Gesicht von mir unkenntlich gemacht]

Auf der Suche nach Worten

14. Mrz. 2009 · 1.883 mal gelesen | Kommentar schreiben »

Aus dem riesigen Misthaufen der sensationsgierigen medialen Triebbefriedigung ragen immer wieder ganz vereinzelt durchdachte Texte wie Blumen heraus.

Auf der Suche nach Worten waren mir einige wenige Gedankenfetzen eine Hilfe. Mein Dank gilt den Autoren folgender Texte, die mir geholfen haben beim Versuch, die Sprache wieder zu finden:

„… Rund um den Tatort sah es aus wie auf einem Rummelplatz. Immerhin hielten die mutigsten Kameraleute einen Abstand von rund sieben Metern vor dem Blumenmeer ein. Trauernde Schüler und Schülerinnen, die nicht von Mikrofonen überfallen oder von grellen Kamerascheinwerfern geblendet werden wollten, wichen aus, legten ihre Blumen und Kerzen in der Nähe ab…“

(WUV – Medienterror in Winnenden)

„… dann muss man nicht erstaunt sein, wenn es emotionale Defizite gibt, die letztlich in derartigen Taten wie in Winnenden enden. Einzelpersonen dafür “haftbar” zu machen, bringt gar nichts.
“Erziehung” – so etwas gab es einmal und es bestand nicht nur aus der Vermittlung von Fachwissen und technischen Fertigkeiten für die Berufswelt. In einer Welt, in der alles auf Effizienz und Kostensenkung ausgerichtet ist, ist dafür aber kein Platz mehr…“

(Zeitsturz – Parallelen)

„… Die Frage nach persönlicher Verantwortung wird in Deutschland selten gestellt. Doch genau darum geht es jetzt. Wer, wenn nicht die Eltern, ist denn für das Handeln seiner Kinder verantwortlich? Wer sich nicht um seine Kinder kümmert, wer nicht weiß, was sie umtreibt, welcher Kummer sie plagt, […] der macht sich schuldig – zunächst mal an seinem Kind. […] Aber bevor wir über eine Familie herfallen, die wir nicht kennen: Wie heißt eigentlich der Klassennachbar Ihres Kindes? Welches Buch liest es gerade? Liest es überhaupt? Und was haben Sohn oder Tochter am kommenden Wochenende vor? Wann haben Sie ihrem Sohn oder Ihrer Tochter zuletzt etwas erklärt, womit die Kinder wirklich etwas anfangen konnten? …“

(Spiegel – Was machen ihre Kinder gerade?)

Nachtrag 14.3., 13:47 :

„…Was allzu gerne Vergessen wird: Diese Verbrechen werden von Menschen begangen. Nicht von Pistolen, Messern, Bomben oder Fäusten. Nicht von Killerspielen, Gewaltvideos oder schlechter Musik.
Die Menschen sind es, die viel intensiverer Zuwendung bedürfen. Es bedarf offener Augen, Ohren und Münder von Eltern,  Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern, Freundinnen und Freunden. Es bedarf gesunden Menschenverstands und der richtigen “Antennen”.
Wir haben es in der Hand unsere Kinder mit der richtigen Nase für Krisensituationen auszustatten, ihnen beizubringen ein Gespür für Probleme in ihrem Umfeld zu entwickeln und entsprechend zu handeln.
Die Welt retten können wir damit nicht – aber vielleicht machen wir sie ein kleines bißchen lebenswerter…“

(Die Olsenbande – Meine 2 Cents)

Kontrollen abgeschlossen

14. Okt. 2008 · 2.376 mal gelesen | 2 Kommentare »

Es ist ja wohl inzwischen normal, dass man in der Internet-Öffentlichkeit Texte wie diesen zu lesen bekommt:

„haii
alzzo ich muss mal was sagen auch wenns viel. nichts bringt ich vinde des voll shit das wem man jetzt baii medien ein pic auf macht, das es dan so kp als ganze seite ist wen man dan nehmlich vertig ist und man alle pics aungeschaut hat muss man erst 100 mal auch zurück klicken das man wider was anderes machen kann ich könnt wetten des hat jetzt kaiiner geplickt aber des wer echt schön wen man des wider endern könnt also bye“

(buchstäblich so gefunden auf kwick.de)

Damit habe ich mich abgefunden – auch wenn es mir weiterhin körperliche Schmerzen bereitet.

Aber wenn ich bei einem der größten Radsport-Informationsdienste wie heute lesen muss

dann fällt es mir schwer zu glauben, dass bei meinem Eintritt ins Rentenalter die deutsche Sprache, wie ich sie kenne, noch existiert.

Oder sollte die Überschrift „Kontrollen abgeschlossen“ sich etwa auf die Kontrollen der veröffentlichten Texte auf deutsche Grammatik beziehen?

Ach ja, falls jemand nicht versteht, was ich eigentlich meine: der Überschriften-Redakteur und der Fließtext-Redakteur tragen hier anscheinend einen Streit darüber aus, ob es „keine weiteren“ oder „keine weitere“ heißen muss.

Nennt mich Klugscheißer – aber mir tut so etwas wirklich weh!

Tabu ?

28. Jun. 2008 · 2.737 mal gelesen | 1 Kommentar »

Heute in einer Woche startet wieder die Tour de France.

Einziges oder zumindest beherrschendes Thema in den Medien wird während der gesamten 3500 km wieder das allgegenwärtige Doping sein – zu Recht!

Kurz darauf starten dann die Olympischen Spiele in Peking.

Auch hier wird es sehr häufig und sehr ausführlich um das Thema Doping gehen – zu Recht!

Bei jeder sportlichen Großveranstaltung wird immer auch die Frage gestellt ob die Sportler „sauber“ sind. Die Doping-Problematik gehört zu jeder sportlichen Großveranstaltung einfach untrennbar mit dazu.

Naja, ich verbessere mich: zu fast jeder sportlichen Großveranstaltung. Ist schon komisch, dass die Frage nach dem Doping bei der Fußball-Europameisterschaft 2008 fast völlig verschwiegen wird. Im Fußball hat man die Doping-Frage anscheinend erfolgreich zum Tabu gemacht…

Seit Wochen ist die EM in allen Medien Thema Nummer 1. Jede noch so nebensächliche Nebensächlichkeit wird zum interessanten Thema, wenn es nur irgendwie mit der Euro 2008 zu tun hat. Aber wie oft taucht das Thema Doping in der Berichterstattung auf? So gut wie nie. Im Vorfeld des Turniers gab es die üblichen Berichte, wie viele Kontrollen es geben wird und was dies kosten wird. Aber dann – kein Ton mehr.

Ins Endspiel der EM haben es Spanien und Deutschland geschafft. Aber hat man in den letzten Tagen einmal den Namen Eufemiano Fuentes gelesen oder etwas über die Uniklinik Freiburg gehört? Fuentes hat ca. 200 Sportler systematisch mit Dopingmitteln versorgt. Nur ca. 50-60 davon sind Radsportler. Der Rest verteilt sich wohl auf verschiedene andere Sportarten, bei denen es ums große Geld geht. Sicher sind auch Fußball-Spieler dabei, auch wenn bei den Untersuchungen da einiges seeehr seltsam abgelaufen ist…

(mehr zum Thema z.B. hier)

Nein, ich möchte nicht behaupten, dass nur die Spanier gedopt sein könnten. Die sogenannten deutschen Tugenden waren schon immer, dass die Spieler unheimlich lang rennen konnten, ohne müde zu werden…

Nein, ich will auch niemand die Freude am Endspiel nehmen. Ich fände es nur unheimlich schade, wenn all die Autokorsos nur die Freude ausdrücken würden: Juhu, wir haben die besten Mediziner!

Trainerdiskussion

13. Jun. 2008 · 2.083 mal gelesen | 2 Kommentare »

Mag sein, dass „grottenschlecht“ die gestrige Leistung der Deutschen Nationalmannschaft im Spiel gegen Kroatien nicht ausreichend beschreibt. Das Spiel war einfach so schlecht, dass ich es garnicht erwähnen wollte.

Wenn ich jetzt trotzdem darüber schreibe, dann liegt das nicht an den gefühlten 250 unnötigen Ballverlusten, sondern daran, dass einige Spaßvögel jetzt tatsächlich eine Trainerdiskussion beginnen möchten…

Z.B. die FAZ deutet so etwas an: „Theo Zwanziger hat Bundestrainer Joachim Löw nach dem 1:2 im zweiten Vorrundenspiel der Fußball-Europameisterschaft gegen Kroatien das Vertrauen ausgesprochen und Spekulationen um eine vorzeitige Trennung bei einem Ausscheiden nach der Vorrunden beendet.“

Jogi Löw war doch gestern der einzige im deutschen Tross, der eine einigermaßen normale Leistung ablieferte (vielleicht auch noch der Zeugwart). Gestern fiel Löw nicht einmal negativ auf, wie sonst manchmal:

Obwohl… Wenn schon Trainerdiskussion, dann aber gleich richtig: ich schlage Lothar Matthäus als Kandidaten Nr. 1 vor.
Endlich einmal wieder Interviews nach Spielschluss die es in sich haben. Der Loddar hat das richtig gut drauf:

Und bei der Nationalmannschaft hat man so etwas ja seit dem legendären „Rudi vs. Waldi“-Battle ja nicht mehr gehört.

Einen Wunsch wird man mir seitens des DFB ja sicher nicht erfüllen: ein Internationaler Trainer wird wohl nicht in Frage kommen, obwohl bisher alle Niederlagen deutscher Nationalmannschaften immer von einem deutschen Trainer zu verantworten waren.

Dabei wäre doch auch Giovanni Trapatoni derzeit zu haben…

„Was erlaube Schweinsteiger?“ – mein Traum von guter Unterhaltung!

Die Saat geht auf

11. Jun. 2008 · 2.151 mal gelesen | Kommentar schreiben »

Die antipolnische Saat der Springer-Presse scheint aufzugehen:

Peinlich ist, wenn irgendein Miroslaw Orzechowski, Vorstandsmitglied der national-katholischen Partei „Liga polnischer Familien“ PR durch Populismus will und Lukas Pocher Podolski den polnischen Pass entziehen will – obwohl er keinen hat.

Peinlicher ist, dass irgendein deutsches Schmierblatt diese dämliche Geschichte aufbauscht.

Am peinlichsten ist in meinen Augen aber, wenn man aus der dämlichen Geschichte über die dämliche Aussage eines nicht erwähnenswerten Politikers, ein „Peinliches Eigentor für Polen“ konstruieren will.

Ist es denn ein Eigentor für Deutschland, wenn [Name eines beliebigen drittklassigen Deutschen Politikers hier einfügen] irgendeinen dämlichen Sommerloch-Kommentar abgibt?

Polenallergie

5. Jun. 2008 · 2.822 mal gelesen | 3 Kommentare »

Die Fußball-EM hat noch nicht angefangen, aber vereinzelt kann man schon kleine Anzeichen wahrnehmen, dass demnächst auch auf den Fußballplätzen in der Schweiz und Österreich angepfiffen wird.

Die Fußbälle rollen erst am Wochenende. Der gelungenste Doppelpass der EM wurde aber schon in den letzten Tagen gespielt. Schade, dass viele Zuschauer es nicht bemerkt haben…

Wovon ich rede? Aaaalso: unter anderem hier ist die Aufregung groß:

„Guter Geschmack scheint speziell in Polen ein Fremdwort zu sein“ kann man dort als Kommentar zu den aktuellen Schlagzeilen in einer polnischen Zeitung lesen. Tatsächlich ist es reichlich geschmacklos, wie man bei „Fakt“ die Leser auf die EM einzustimmen versucht.

Extrem naiv ist aber die oben verlinkte Reaktion auf die Geschmacklosigkeiten. Selbst mit minimalem Nachdenk-Aufwand hätte man auf die Idee kommen können, die geschmacklichen Entgleisungen nicht allen Polen anzulasten („Pfui Polen“) oder allgemein „Polens ‚gute Kinderstube'“ zu kritisieren.

Dazu wäre es noch nicht einmal erforderlich gewesen, den Doppelpass zu erkennen. Es ist doch nicht wirklich erstaunlich, dass die Geschmacklosigkeiten im Vorfeld der Begegnung Deutschland-Polen ihren Ursprung nicht in Polen haben. Vielmehr ist die Zeitung ‚Fakt‘ ein Kind der Axel Springer AG.

Ooops! Worüber regt sich bei uns die Zeitung mit den großen Buchstaben also genau genommen auf („Es ist einfach widerlich!“) ?

Letztlich war es doch so: da schreibt einer in der Firma geschmacklosen Blödsinn in polnischer Sprache. Und der Kollege in derselben Firma bedankt sich für den gelungenen Pass in den freien Raum und spielt ihn genauso geschmacklos und blödsinnig, aber in deutscher Sprache wieder zurück.

Ein gelungener Doppelpass – sicher wird man sich den Ball in den nächsten Tagen noch einige Male zuspielen. Den Spielzug hat man bei Axel Springer schon jahrelang geübt. Er funktioniert seit langem nahezu blind und sogar mit wechselnden Mitspielern – mal mit der türkischen Hürriyet, mal mit der britischen Sun.

Randbemerkung: das Zusammenspiel mit den beiden genannten Mitspielern drängt sich derzeit aber nicht auf, weil die türkische Mannschaft nicht in der deutschen Gruppe spielt und England sowieso in einer ganz anderen Gruppe ist.

Beim Fußball wie im richtigen Leben habe ich Mitleid mit den Spielbeobachtern, die die interessantesten Szenen übersehen oder nicht verstehen.

Grand Prix Eurovision de la Géographie

6. Mrz. 2008 · 3.459 mal gelesen | 3 Kommentare »

Der Eurovision Song Contest bzw. Grand Prix Eurovision de la Chanson geht mir ganz weit am Ar interessiert mich nicht die Bohne. Aber als der Sprecher im Radio eben über die Veranstaltung berichtete, habe ich trotzdem hingehört und es haben sich mir die Nackenhaare aufgestellt:

Erzählt der Spaßvogel doch allen Ernstes davon, dass die Sieger der letzten Jahre „bis auf die Ausnahme Finnland alle aus dem Südosten Europas“ gekommen seien. Und dann hat er aufgezählt: „Estland, Lettland, Türkei, Ukraine, Griechenland, Serbien“.

Warum sich mir die Nackenhaare aufgestellt haben?

Naja, zum einen, weil die Redewendung „da sind mir die Haare zu Berge gestanden“ nicht kompatibel zu meiner „ausgefallenen“ Frisur wäre. Aber irgend etwas musste mir ja zu Berge stehen.

Europa (klein)

Bei einem kurzen Blick auf eine Europakarte wird klar: nur 2 (in Worten zwei !!!) der aufgezählten Länder liegen in Südosteuropa. Selbst wenn man darüber hinweg sieht, dass die Türkei zwar im Südosten aber größtenteils garnicht in Europa liegt, dann bleibt eine Trefferquote von nur 50%, denn auch mit viel Wohlwollen bekommt man die Ukraine, Lettland und Estland nicht nach Südosteuropa verschoben.

Stellt sich mir nur noch die Frage: Liegt PISA eigentlich in Südosteuropa?

Derby

23. Feb. 2008 · 1.971 mal gelesen | Kommentar schreiben »

Heute fand es also statt: das lang erwartete „Derby“ zwischen Schwaben und Badenern.

Die Welt schrieb unter der Schlagzeile „Südwest-Derby in Stuttgart als Hochrisikospiel“: „Es herrscht Alarmstufe eins im Ländle. Meister VfB Stuttgart gegen den Karlsruher SC – ein Spiel voller Brisanz“ (Welt.de)
Schon beim Hinspiel schrieb man dort vom „Hassduell um die Vorherrschaft im Südwesten“ (Welt.de)

Eurosport nannte es „Südwest-Derby auf dem Pulverfass“ (eurosport.yahoo.de)

Beim Schwarzwälder Boten wusste man: „Beim Derby geht es nicht nur um Tabellenpunkte, vielmehr werden auf dem grünen Rasen die Rivalitäten zwischen Schwaben und Badnern ausgetragen.“ (Schwarzwälder Bote)

Überall in den Medien wurde diese Rivalität aufgebauscht: statt Vorberichten über ein Fußballspiel fand man den Text vom Badenerlied, statt der aktuellen Form der Spieler las man über die Entstehungsgeschichte von Baden-Württemberg, statt Mannschaftsaufstellungen las man über Rivalität zwischen Schwaben und Badenern.

Derart aufgeheizt von den Medienberichten benahmen sich Zuschauer (ich schreibe mit Absicht nicht Fans) auf beiden Seiten daneben. Spiegel Online schrieb hinterher von einem „Wettbewerb ‚Wer hat die blödesten Fans?‘ “ und findet „[Dafür] … gibt es leider nur einen passenden Ausdruck: doof!“ (Spiegel.de)

Und dann war da doch noch ein Fußballspiel. Es standen auf dem Platz:

Für die „Schwaben“: ein Schwabe, ein Russland-Deutscher, ein Portugiese, ein Franzose, ein Schweizer, ein Mexikaner, ein Franke, ein Bayer, ein Türke, ein Deutsch-Spanier und ein Rumäne (eingewechselt wurden zwei Brasiliander und ein Deutsch-Tunesier)

Für die „Badener“: drei Bayern, ein Schweizer, ein Sachsen-Anhalter, ein Badener, ein Ghanaer, ein Ungar, ein Westfale, ein Georgier und ein Australier (eingewechselt wurden ein Badener, ein Südafrikaner und ein Albaner)

Warum muss man von Seiten der Medien ein Fußballspiel derart aufheizen, dass Hundertschaften von Polizisten und Ordnern benötigt werden um die Fans ein paar Idioten im Zaum zu halten? Warum kann man sich nicht einfach über ein interessantes Match freuen? Warum kann man im Vorfeld eines solchen Derbys nicht einfach den Ball flach halten?

Der Stuttgarter Trainer Armin Veh lieferte ein schönes Beispiel, wie es auch gehen könnte – auf der Pressekonferenz vor dem Spiel sagte er: „Natürlich ist ein Derby etwas Besonderes, die Brisanz ist ganz anders. Aber da muss man ja dann nicht auch noch schüren und als Verantwortlicher mit emotionalen Sprüchen in der Öffentlichkeit das Spiel zusätzlich aufheizen“. (VfB.de)

Da waren kleine Kinder im Stadion – die einem mit blauen, die anderen mit roten Schals. Wie kann man diesen Kindern erklären, warum zwischen ihnen maskierte Polizisten stehen mit Schlagstöcken in der Hand und Helmen auf dem Kopf?

Ach übrigens: das Fußballspiel (die eigentliche Hauptsache) endete mit einem 3:1 für die „Schwaben“.