Monatsarchiv für Oktober 2005

Der Bauchnabel

30. Okt. 2005 · 1.819 mal gelesen | Kommentar schreiben »

Der Bauchnabel

Max, Paul und Alex, die dicksten Freunde, die man sich vorstellen konnte, spielten gemeinsam an einem sehr heißen Tag im Garten. Sie spritzten sich gegenseitig mit Wasserpistolen oder dem Gartenschlauch nass. Als Max mal wieder einen gezielten Schuss mit dem Wasserschlauch auf Alex abschoss, traf er ihn mitten in den Bauchnabel, und das Wasser spritzte so heftig, dass er sogar noch Paul damit traf. Aber da kam Max die Frage auf, was denn eigentlich der Bauchnabel für einen Sinn hatte und wo er herkam. Dass man wunderbar darin Murmeln legen konnte, wenn man auf dem Rücken liegt, oder mit dem Finger darin bohren konnte und das ganz fürchterlich kitzelte, das hatte er schon ausprobiert. Aber was ist der Bauchnabel? Man kann damit nicht essen, nicht sehen, nicht riechen. Max überlegte, wann er den Bauchnabel schon einmal verwendet hat, um irgendetwas damit zu tun. Ihm fiel aber nichts ein. „Noch nie in meinem Leben hab ich diese kleine Delle mitten auf meinem Bauch je gebraucht. Wozu ist der denn gut?“

Diese Frage beschäftigte ihn den ganzen langen Tag. Als am Abend sein Vater Max ins Bett brachte und ihn liebevoll mit der Bettdecke zudeckte, fragte Max ihn: „Papa, sag mal, woher kommt eigentlich der Bauchnabel?“. Der Vater wirkte sichtlich ratlos. „Weiß Papa das etwa auch nicht?“, dachte sich Max.

Doch in dem Moment fing sein Vater an zu erzählen: „Also, Max, pass mal auf, als Gott dich und mich und alle anderen Menschen erschuf und soweit fertig war, überlegte er, wie er den Menschen zeigen konnte, dass er uns alle lieb hat. Er überlegte lange und fragte auch alle seine Freunde. Er konnte aber nicht jedem Einzelnen ‚Ich hab dich lieb’ auf den Bauch schreiben. Nein, er wollte ein Zeichen oder ein Symbol, das für alle Menschen gleich ist, egal, aus welchem Land sie kommen oder welche Sprache sie sprechen. So kam ihm eines Tages die Idee. Er stellte alle Menschen in einer Reihe auf und sagte zu jedem Einzelnen: ‚Dich hab ich lieb’ und ‚Dich hab ich lieb’ und ‚Dich hab ich auch lieb’. Als er das sagte, stupste er jedem von uns Menschen mitten auf seinen Bauch, damit auch jeder wusste, wen er meinte. Genau an dieser Stelle blieb bei jedem von uns eine kleine Delle zurück. So weißt du an jedem Tag, wenn du deinen Bauchnabel ansiehst, dass Gott dich lieb hat.“

Sichtlich erleichtert legte sich Max zurück. „Das ist ja schön, jetzt weiß ich also, dass Gott mich lieb hat.“ Zufrieden schlief Max mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein. Und morgen kann er allen seinem Freunden erzählen, dass Gott uns alle lieb hat.

(Michael Rißmann)