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Phantomsteigung – Tag 7

16. Jun. 2011 · 3.341 mal gelesen | Keine Kommentare »

Vor solchen Etappen wie heute habe ich am meisten Respekt: nach einer sehr langen, relativ flachen Anfahrt ganz am Schluss noch ein schwerer Anstieg. Drei solche unberechenbaren Etappen habe ich auf dem Programm meiner Tour: die Etappe durchs Montafon zur Silveretta, die Etappe durchs Rhonetal nach Chamonix und eben die Etappe heute: durchs Hinterrheintal zum Oberalppass.

Zuerst ging es von Filisur mit einigem Auf und Ab hinunter via Tiefencastel und Sils bis nach Bonaduz. Dabei fuhr ich eine Weile mit einem Herrn mit Profi-Ausrüstung: SRAM-Leistungsmessungs-Kurbel am Vollcarbonrahmen mit Campagnolo Record Ausstattung. Das wäre ja nicht weiter erwähnenswert, wenn er nicht geschätzte 80 Jahre alt gewesen wäre.

Er hat mir übrigens auch erzählt, dass für den Oberalppass Schnee angesagt sei. Ich habe ihm nicht geglaubt – mein Wetterbericht hat was anderes erzählt. Und so fuhr ich weiter bei bestem Radfahr-Wetter…

Für die Rheinschlucht bieten sich 2 Routen an: die Hauptstraße nördlich des Rhein über Flims und Laax oder die Straße südlich durch die Rheinschlucht (Ruinaulta) über Versam nach Ilanz. Die schönere ist auf jeden Fall diese südliche Route.

Hier sieht und er-fährt man hautnah die Schlucht, die sich der Rhein gegraben hat. Die Straße windet sich abenteuerlich durch diese Schlucht, größten Teils einspurig und oft in und durch den Fels gegraben (was übrigens für den Linienbus kein Hindernis ist, hier auch zu fahren).

Nach einer kalorienreichen Mittagspause in Ilanz ging es weiter den Rhein hinauf. Zumindest zeigte mein Garmin an, dass es bergauf geht. Es sah nämlich über lange Strecken nicht nach einer Steigung aus – und dank kräftigem Rückenwind fühlte es sich auch nicht so an. So bekam ich die ersten paar hundert Höhenmeter quasi geschenkt.

Nach Disentis geht die Steigung dann auch spürbar los. Kurz darauf sieht man in Sedrun einen Teil der größten Baustelle der Welt (auf dem Bild im Hintergrund). Hier ist ein Zugang zum Gotthard-Basistunnel. Es gab/gibt übrigens Planungen, dass auch Sedrun einen unterirdischen Bahnhof bekommt. Allerdings nicht wie Stuttgart ein paar Meter unter der Erde, sondern hier soll es mit einem Aufzug 800m tief hinunter zur unterirdischen Porta Alpina gehen.

Ab Sedrun ist nur noch sehr wenig Verkehr und die Straße windet sich fast ohne richtig steile Stücke vollends den Berg hoch.

Im Bereich der Passhöhe verläuft entlang der Straße die Furka-Oberalp-Bahn, die die Steigung aber nur mit Zahnrad-Unterstützung schafft. Radfahrer bekommen die letzte psychologische Unterstützung aus dem Zug heraus von den winkenden, klatschenden Touristen.

 

Auf der Passhöhe musste ich feststellen, dass meine Französisch-Kenntnisse anscheinend ein bisschen eingerostet sind. Jedenfalls hatte ich Schwierigkeiten, den Radlern vom Genfer See meine Ausrüstung und mein Gepäck zu erklären…

Vom Oberalppass geht es nur noch 10 km auf sehr guter Straße bergab nach Andermatt. Auf hohe Geschwindigkeiten hatte ich keine Lust, weil der Wind doch recht heftig am Lenker wackelte. Das hebe ich mir dann lieber für morgen auf, wenn ich endlich mal einen Tag ohne Rucksack fahren kann.

Tag 7: Filisur – Andermatt, 120 km, 2050 hm, (Thusis, Versam, Disentis, Oberalppass), bewölkt, 1 km im Nieselregen

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