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Barbarisch

27. Feb. 2009 · 2.340 mal gelesen | Keine Kommentare »

Am Dienstag hat das Landesarbeitsgericht Berlin geurteilt, dass die fristlose Entlassung einer Kassiererin rechtens ist, auch wenn sie nur Pfandbons im Wert von 1,30 Euro unterschlagen hat.

Dieses Urteil hat einigen Wirbel verursacht. Die Zeitung mit den großen Buchstaben hat der Geschichte eine Titelseite gewidmet. Und auch sonst kann man fast überall von dem Fall lesen und hören.

Gestern hat sich jetzt auch Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) zu Wort gemeldet:

„Das ist ein barbarisches Urteil von asozialer Qualität“

Es verletze das Gerechtigkeitsempfinden, dass die Frau „wegen einer Nichtigkeit“ entlassen werde (Stuttgarter Nachrichten).

Herr Thierse hat übersehen, dass es ‚das Gerechtigkeitsempfinden‘ nicht gibt. Jedes Empfinden, so auch das Gerechtigkeitsempfinden, ist immer subjektiv.

Mein subjektives Gerechtigkeitsempfinden wird dadurch verletzt, dass es anscheinend eine Nichtigkeit sein soll, das Eigentum anderer zu entwenden. Diebstahl ist keine Nichtigkeit. Für mich spielt es dabei keine Rolle, ob es sich um 1,30 Euro oder sonst irgend einen Betrag handelt.

In unserer Gesellschaft ist Ehrlichkeit sehr selten geworden. Völlig normal und weit verbreitet sind dagegen kleine oder große Tricksereien bei der Steuererklärung, Nebenverdienste oder geringere Kosten durch Schwarzarbeit, kleinere oder größere Missachtungen von Eigentumsverhältnissen usw. usw.

Einen Diebstahl und den dazu gehörigen Vertrauensverlust als Nichtigkeit zu bezeichnen, ist in meinen Augen nichts anderes als Anstiftung zum Diebstahl. Das Urteil des Gerichtes, das sich auf bestehendes Recht beruft, als barbarisch zu bezeichnen, ist ein Schlag ins Gesicht der Richter.

Selbst wenn hinter dem Fall mehr stehen sollte als nur die 1,30 Euro (wie bei Spiegelfechter zu lesen ist), selbst dann bleibt der Beitrag von Wolfgang Thierse eine populistische Peinlichkeit.

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