Tabu ?

Heute in einer Woche startet wieder die Tour de France.

Einziges oder zumindest beherrschendes Thema in den Medien wird während der gesamten 3500 km wieder das allgegenwärtige Doping sein - zu Recht!

Kurz darauf starten dann die Olympischen Spiele in Peking.

Auch hier wird es sehr häufig und sehr ausführlich um das Thema Doping gehen - zu Recht!

Bei jeder sportlichen Großveranstaltung wird immer auch die Frage gestellt ob die Sportler “sauber” sind. Die Doping-Problematik gehört zu jeder sportlichen Großveranstaltung einfach untrennbar mit dazu.

Naja, ich verbessere mich: zu fast jeder sportlichen Großveranstaltung. Ist schon komisch, dass die Frage nach dem Doping bei der Fußball-Europameisterschaft 2008 fast völlig verschwiegen wird. Im Fußball hat man die Doping-Frage anscheinend erfolgreich zum Tabu gemacht…

Seit Wochen ist die EM in allen Medien Thema Nummer 1. Jede noch so nebensächliche Nebensächlichkeit wird zum interessanten Thema, wenn es nur irgendwie mit der Euro 2008 zu tun hat. Aber wie oft taucht das Thema Doping in der Berichterstattung auf? So gut wie nie. Im Vorfeld des Turniers gab es die üblichen Berichte, wie viele Kontrollen es geben wird und was dies kosten wird. Aber dann - kein Ton mehr.

Ins Endspiel der EM haben es Spanien und Deutschland geschafft. Aber hat man in den letzten Tagen einmal den Namen Eufemiano Fuentes gelesen oder etwas über die Uniklinik Freiburg gehört? Fuentes hat ca. 200 Sportler systematisch mit Dopingmitteln versorgt. Nur ca. 50-60 davon sind Radsportler. Der Rest verteilt sich wohl auf verschiedene andere Sportarten, bei denen es ums große Geld geht. Sicher sind auch Fußball-Spieler dabei, auch wenn bei den Untersuchungen da einiges seeehr seltsam abgelaufen ist…

(mehr zum Thema z.B. hier)

Nein, ich möchte nicht behaupten, dass nur die Spanier gedopt sein könnten. Die sogenannten deutschen Tugenden waren schon immer, dass die Spieler unheimlich lang rennen konnten, ohne müde zu werden…

Nein, ich will auch niemand die Freude am Endspiel nehmen. Ich fände es nur unheimlich schade, wenn all die Autokorsos nur die Freude ausdrücken würden: Juhu, wir haben die besten Mediziner!

Auch wenn es passiert ist…

Heute Nachmittag (27.7.2006) machten die Schlagzeilen die Runde:“Floyd Landis war positiv” oder “Tour-Sieger Landis positiv getestet” usw.

Dem Amerikaner Floyd Landis, der vor nicht einmal einer Woche das schwerste Radrennen der Welt - die Tour de France - gewonnen hat, wurde Doping nachgewiesen. Die A-Probe zeigt, dass er auf einer der entscheidenden Etappen mit leistungssteigernden Mitteln gefahren ist.

Innerhalb kürzester Zeit nach bekannt werden hagelte es von allen Seiten Kommentare wie diese: “Wut und Traurigkeit”, “Betrüger”, “dumm, dreist und betrügerisch”, “ich bin entsetzt”, “erschüttert und extrem enttäuscht”, “Das ist einfach nur Ekel erregend” und so weiter, und so weiter.

Unzählige mehr oder weniger bekannte und mehr oder weniger betroffene Kommentatoren meldeten sich zu Wort. Unzählige Male wurde der ertappte Dopingsünder verurteilt, beschimpft und verdammt.

Nur eine Reaktion fiel völlig aus dem Rahmen: es war der Kommentar von Arelene Landis, der Mutter des Sportlers. Sie sagte:

“Auch wenn es passiert ist, er bleibt mein geliebter Sohn.”

Ich habe diese Frau noch nie gesehen. Ich weiß von ihr nicht mehr, als dass sie die Mutter von Floyd Landis ist und dass sie der Glaubensgemeinschaft der Menoniten angehört. Und ich habe von Arlene Landis bis heute noch nie etwas gehört. Aber mit diesem einen Satz symbolisiert sie für mich ganz genau das, wie ich mir Gott vorstelle.

So stelle ich mir die Antwort von Gott vor:

“Auch wenn er etwas schlimmes getan hat,

auch wenn alle mit dem Finger auf ihn zeigen,

auch wenn ihn alle verdammen,

er bleibt mein geliebter Sohn!”

Das könnte die Reaktion des Vaters sein, als der verlorene Sohn wieder zurück gekommen ist. Auch der Sohn hat sich einiges zu Schulden kommen lassen. Auch der Sohn wurde von allen verachtet, sogar von seinem Bruder. Doch der Vater lief ihm entgegen und fiel ihm um den Hals und küsste ihn (Lukas 15,10-32).

Arlene Landis würde sagen:

“Auch wenn es passiert ist, er bleibt mein geliebter Sohn.”

Ich bin zwar noch nie gedopt gefahren. Trotzdem weiß ich sehr wohl, dass ich mir auch schon mehr als genug zu Schulden kommen lassen habe.
Aber ich hoffe darauf, dass Gott sagt:

“Auch wenn es passiert ist, er bleibt mein geliebter Sohn.”

(c) by Pumi